【 REGION REWRITTEN 】
Sa. 27. Juni – Fr. 24. Juli
AUSSTELLUNG
Fr. 26. Juni
19.00 Uhr
VERNISSAGE & LESUNG
In der Workshopreihe «REWRITING REGION» erkundete das DOCK in Kooperation mit dem Literaturhaus Basel Fragestellungen der Regionalität. Wie setzt sich eine Region zusammen, wenn wir die vielfältigen Geflechte aus Migration, Erinnerung, Sprache, sozialen Beziehungen und historischen Verschiebungen mitdenken? Dann lässt sie sich nicht länger auf einen geografischen Ort eingrenzen, sondern entfaltet sich als bewegliches Gebilde. Welche Geschichten wir über «unsere» Region erzählen, was dadurch sichtbar, und wer unsichtbar gemacht wird, um diese und weitere Themen beschäftigten sich die Teilnehmenden der Veranstaltungen.
Aufbauend auf die Schreibworkshops bot sich die Möglichkeit, sich mit dem semi-anonymen queeren Kollektiv Q.U.I.C.H.E in der Praxis der kreativen Zine-Herstellung zu üben. Das Kollektiv nimmt diese Synergie zum Anlass, die Ergebnisse der Veranstaltungsreihe – seien sie materiell oder immateriell – in einer Ausstellung zu präsentieren. Die entstandenen Texte, Bilder und Fragmente treten in einen Dialog mit Exponaten, die mehr Aufschluss über die Praxis der impulsgebenden Künstler:innen erlauben. Der transformative Prozess des Schreibens wird so in seiner jeweils einzigartigen, persönlichen Form sichtbar gemacht.
Der folgende Text wurde von Hannes Eckstein für das Q.U.I.C.H.E.-Kollektiv verfasst und entstand begleitend zur von Q.U.I.C.H.E. kuratierten Ausstellung «REWRITING REGION».
Das 21. Jahrhundert präsentiert sich im Grundsatz als (vermeintlich?) widersprüchliches Wunder: Einerseits bewegen wir uns in einer globalisierten, oft ins entgrenzt Digitale verbannten Welt, in der Kapital, Bilder und Menschen mit nie dagewesener Geschwindigkeit und Monopolisierung ohne Rücksicht auf Grenzen zirkulieren, gleichzeitig kulminiert überall die Tendenz zu konservativen Retraiten ins Vertraute und Misstrauen gegenüber dem Fremden, die Stimmung des regionalen und nationalen Abschottens. Gerade weil Regionalchauvinismus wieder salonfähig geworden ist, lohnt es sich, genau hinzuschauen, was lokale Identität eigentlich bedeuten kann und wie wir mit ihr umgehen sollen.
Intellektuelle Theorien dazu gibt es glücklicherweise zuhauf. Der vor nicht allzu langer Zeit verstorbene französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour etwa hat in Où atterrir? Comment s’orienter en politique (dt. Das terrestrische Manifest, Suhrkamp 2018) das eingängige Begriffspaar „Local-plus” und „Local-minus” geprägt. „Local-plus” meint eine konstruktive, aufrichtig empfundene Verankerung im eigenen Erbe, eine Verwurzelung in Netzwerk, Gemeinschaft und Geschichte, die Zugehörigkeit als bewegliches, vielstimmiges und im Idealfall nachhaltiges Gebilde versteht. „Local-minus” hingegen bezeichnet dieselbe Geste der Verwurzelung, die reaktionär wird: verklärend, abschottend, bestehende Machtstrukturen bekräftigend und letztlich abgewandt von der konkreten, stets wandelnden Realität der Menschen, die in der betreffenden Region tatsächlich leben. Der entscheidende Unterschied liegt dabei weniger in der Intensität der Bindung an einen Ort als in der Frage, ob diese Bindung Ausschluss produziert oder Vielheit ermöglicht.
In der Praxis obliegt es immer den kleinen Institutionen und Initiativen, solchen Fragen auf produktiv-kreative Art nachzugehen. Wer soll eine Region beschreiben? Wessen Stimmen formen das kollektive Narrativ, und welche bleiben systematisch ungehört? Offizielle Repräsentationen von Regionalität, seien es Medienmitteilungen oder politische Reden, tendieren dazu, bestimmte Körper, Sprachen und Biografien als selbstverständlich sichtbar zu setzen und andere strukturell unsichtbar zu halten. Diese epistemische Ordnung bestimmt, welches Wissen über eine Region als gültig gilt.
Die Workshopreihe Rewriting Region, eine Kooperation des DOCK mit dem Literaturhaus Basel, hat einen produktiv-kreativen Versuch einer Alternative. Über mehrere Monate erkundeten Teilnehmende in angeleiteten Schreibworkshops, was Region überhaupt meint, wenn man die vielfältigen Geflechte aus Migration, Erinnerung, Sprache, sozialen Beziehungen und historischen Verschiebungen ernstnimmt. Dann lässt sich Region auf keinen geografischen Ort mehr eingrenzen, sondern entfaltet sich als fluides, relationales Gebilde, das von denjenigen geformt wird, die in ihm leben.
Den Auftakt machte im März ein Abend mit der Basler Kunstpreisträgerin 2026 Monika Dillier, geleitet von der Autorin Eva Seck. Dilliers eigene Praxis, die Aquarell, Zeichnung und Collage verbindet, bildete den Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Themen. Die Teilnehmenden arbeiteten mit Schlagzeilen und Bildern lokaler Tageszeitungen, wobei ein wortwörtliches Auseinandernehmen medialer Berichterstattung die diskursiven Mechanismen hinter vorgeblich objektiver, aber natürlich an der Bekräftigung hegemonialer Strukturen interessierten Sprache freilegt. Indem Texte aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, neu kombiniert und überlagert werden, entsteht ein ganz persönliches, häufig witziges Narrativ, die das genormte Sprechen über Region unterbricht und Raum für andere Welten schafft. Dilliers eigenes Werk Ans Sterben gedacht (Aquarell und Collage auf Papier, 150 × 70 cm, 2023/24) ist als Pendant in der Ausstellung zu sehen. Die Papierarbeit, in ihrer Essenz persönlich und enigmatisch, verweist auf die Verweigerung offen verkündeter und somit durch andere vereinnahmbarer Gedanken.
Im April betreute Ana Vujić den Kurs zusammen mit Eva Seck. Die Künstlerin verfolgt eine Praxis zwischen autobiografischem und literarischem Schreiben, wandflächenfüllendem Zeichnen und theoriebasierter Verarbeitung, die ihre eigene Migrationsgeschichte sowie feministische Fragestellungen in eine dichte, materialreiche Bildsprache übersetzt. In ihrem Workshop gestalteten die Teilnehmenden grossformatige „Klebebilder”: Papiere werden zunächst systematisch abgeklebt, dann beschrieben. Das Abkleben selbst ist hier Methode und Metapher zugleich, ein Verdecken, das erst in der Rekonstruktion sichtbar machen würde, was da war. Die aus den vermeintlichen Abfallprodukten der Herstellung entstandene Collage aus Klebestreifen ist im Schaufenster zu sehen, als materieller Niederschlag eines Prozesses, der sich selbst zum Thema macht – auf einer Metaebene wird das Verfahren zum Exponat. Vujićs Herangehensweise lädt dazu ein, die eigene (trans-)nationale Biografie als Ressource zu begreifen, das Schreiben als potentielles Archiv, das in keinem offiziellen Regionalbild auftaucht und das dennoch konstitutiv für das Zusammenleben in der Stadt ist.
Der Filmemacher Akwasi Glenn Asumadu legte (wiederum mit Eva Seck) im Mai den Fokus auf die Alltagsnarrative verschiedener Communities in Basel. Ausgangsmaterial waren Texte des regionalen Tourismusbüros bzw. der Plattform MySwitzerland.com. Die Teilnehmenden lasen und analysierten diese Texte im Hinblick auf ihre immanente Perspektivität: Welches Bild der Region wird hier entworfen? Für wen? Aus welchem Blickwinkel? Die dabei sichtbar werdende Engführung von Regionalität auf eine bestimmte, europäisch-nicht-migrantische Norm, auf (im besonderen auch mit weissen Menschen konnotierten) Klischees von Basel als humanistische Kulturstadt voller jahrhundertealter sogenannter Hochkultur, zudem das Baselland als geradezu bukolische Idylle voller Kirschbäume und Bauernhäuschen, wurde den Texten gegenübergestellt, die nun im Schaufenster ausliegen und zur vertieften Lektüre einladen. Asumaduʼ Impulse machen erfahrbar, wie Zugehörigkeit und regionale Identität durch persönliche Perspektiven immer wieder neu verhandelt werden und wie sehr diese Verhandlungen von Machtverhältnissen durchzogen sind, die im Alltag kaum benannt werden.
Den Abschluss bildete im Juni ein Zine-Workshop mit dem semi-anonymen queeren Kollektiv Q.U.I.C.H.E. aus Basel. Das Zine, eine Form, die seit den 1970er Jahren eng mit gegenkulturellen, politisch links-progressiven, feministischen* und queeren Bewegungen verbunden ist, steht für eine Praxis des Selbstpublizierens jenseits institutionellen Monopolen. In seiner Reproduzierbarkeit, einfachen Zugänglichkeit und bewussten laissez-faire-Attitüde ist es das ideale Medium, um die Ergebnisse einer Workshopreihe zu bündeln, die sich einem abschliessenden apodiktischen Urteil ohnehin verweigert. Gerade solch eine nondeskripte Subjektivität ist das Kernmerkmal der Preaxis von Q.U.I.C.H.E.: Unverfälscht und direkt möchte das Kollektiv über die Stadt Basel berichten, seine Eindrücke, Gefühle und Gedanken festhalten.
Die Kraft von Unternehmungen wie ReWriting Region liegt in der Reibung, die entsteht, wenn viele Subjektivitäten auf engem Raum aufeinandertreffen und gemeinsam beschliessen, ihr kreatives Bedürfnis kollektiv zu reflektieren. Basel, eine Gegend, deren multikulturelle Textur seit Jahrhunderten von Durchgang, Mehrsprachigkeit, Multidisziplinarität geformt wird, bietet dafür einen idealen Rahmen.